Jenny ist 16, in ihrer Familie dreht sich alles nur um sie, oder eher: darum, dass sie in Oxford studieren kann nach der Schule. Der Vater trimmt sie darauf, mit einer gewissen Strenge, aber trotzdem ist er ein netter, ziemlich verständnisvoller Kerl. Die Mutter darf ab und an auch mal ihre eigene Meinung sagen. Am Ende wollen beide natürlich sowieso nur das Beste für das Kind.
Und das ist nicht der Klassenkamerad Graham, den sie deswegen auch ziemlich kalt abservieren beim Kaffee trinken. Aber Jenny hat ja sowieso den schon etwas älteren David kennen gelernt, oder eher er sie, und da er höflich ist und charmant lässt sie sich von ihm ausführen und verliebt sich in ihn, und er ist wohl auch in sie verliebt. Sie lässt sich von ihm ziemlich ausstaffieren und von ihm und seinen Freunden für ihre Intelligenz bewundern. Zu ihrem 17. Geburtstag spendiert der werte Herr dann auch glatt noch eine Reise nach Paris.
Natürlich kann nicht alles perfekt sein, auch wenn es so scheint, aufgrund der Verlobung schmeisst Jenny die Schule (entgegen dem Rat ihrer Lehrerin und der Rektorin), und dann kommt es natürlich doch zum Eklat.
Und das Kindchen kehrt reumütig in den Schoss des Bürgertums zurück und erkennt, was wirklich wichtig ist, nämlich Oxford. Dann bekommt man ein paar weise klingende O-Töne zu den letzten Bildern, und Ende gut, alles gut.
Ja, ohne Zweifel, die Kostüme sind ganz nett, die Schauspieler ebenfalls; Aber:
Die Charaktere sind unglaubwürdig und überzogen und überhaupt; was bitteschön will der Film uns eigentlich sagen? Dass es nicht um den «Unmenschen» David geht, ist klar. Jenny ist die Hauptfigur, alles schön und gut. Coming of Age, der Titel, An Education, verspricht uns ja nichts anderes als einen Lernprozess.
Wenn es denn wenigstens ein Lernprozess wäre. Irgendwann spricht Jenny ein paar kluge Worte: Das man nämlich auch ein Leben brauche, auch Spass – verwirft das dann aber am Ende alles wieder. Und überhaupt. 1961 soll der Film spielen. Damit man als Ausrede sagen kann, «ja damals war es eben so»? Wenn das wenigstens schlüssig im Charakter der Jenny transportiert würde – wird es aber nicht. Denn dafür, dass sie ja doch eher unerfahren ist, und aus behütetem bürgerlichem Elternhaus stammt, dafür geht sie vielleicht doch etwas zu selbstbewusst mit ihrer Sexualität um. Und weiss ab dem Gespräch mit David, nachdem er und sein Freund eine historische Landkarte klauten, dass er ein Blender ist, und wenn sie doch so gewitzt und klug ist, warum wirft sie die «Entdeckung» am Ende (die eigentlich gar keine ist, sondern eher eine weiter Facette im Charakter Davids) so sehr aus der Bahn? Wenn es darum ginge, dass das Mädchen durch die ganze Geschichte mit David geprägt wird, dann würde sie das doch irgendwie in ihren Werdegang integrieren. So gibt es eine halbgare Konfrontation, und dann gibt sich Jenny geläutert und negiert quasi alle Errungenschaften. Sie setzt sich hin und lernt und lernt und am Ende geht es auf nach Oxford. Und die 60er Jahre sind am Ende eben irgendwie nur Kulisse.
60er Jahre aber! Betrachten wir doch mal die. Denn damals präsentierte man uns weitaus überzeugendere Frauen im Film. Es geht ganz und gar nicht um strahlende Heldinnen, sondern um realistische Werdegänge, Darstellungen, Charaktere. Nehmen wir das Paradebeispiel Holly Golightly. Sie ist sicherlich nicht frei von Fehlern. Und lebt doch in gewissem Masse ein selbstbestimmtes Leben. Dass sie damit nicht immer glücklich ist, sieht man im Film. Aber eben auch eine Art Werdegang, und am Ende – ja am Ende artet alles in überbordenden Kitsch aus, mit Happy End und Küssen im Regen. Aber es ist und bleibt doch irgendwie konsistent, und wir haben Moon River, das sich durch den ganzen Film zieht und am Ende nochmal bombastisch alles kulminiert. Und das Ende ist am Ende vielleicht gar nicht so sehr als ganz und gar realistisch zu sehen, vielmehr visualisiert es die Sehnsucht nach Liebe, nach Geborgenheit und Romantik, die von Paul kurz zuvor, im Taxi, noch als das wahre Ziel eines Menschen klassifiziert wurde. Lieber also Breakfast at Tiffany’s als dieses pseudo-nostalgische Filmchen ohne Aussage.
Oder natürlich, wenn man schon bei Frauendarstellung im Film ist, dann Das Schweigen von Ingmar Bergmann (und es geht hier nicht um eine damals skandalöse Masturbationsszene). Der Schein einer realistischen Darstellung wird hier rein formal schon nicht mehr aufrecht erhalten (alleine die Hotelflurszenen sprechen für sich), es geht um Innenwelten, um Zwischenmenschlichkeit, um Kommunikation oder eher die Abwesenheit einer solchen, um das Schweigen, um das innere Schweigen vor allem. Und der Film generiert seine Narration nicht aus seiner Entstehungszeit, natürlich sieht man es den Kostümen an, aber die Inhalte sind zeitlos, und von einer Relevanz, die den Film auch noch heute sehenswert machen. Von der Ästhetik der Kamera und der Montage, die überragend ist, ganz zu schweigen.
veröffentlicht in moustache magazine #2