Schilf, Juli Zeh

Im Anflug aus Südwesten, aus einer Höhe von fünfhundert Metern betrachtet, gleicht Freiburg einem ausgefransten, hellen Fleck in den Falten des Schwarzwalds.

Wie man ins Buch hineingeführt wird, so geht es auch wieder hinaus. Vielleicht sind es immer nur die Vögel, die die Geschichte erzählen, die Geschichte verschiedenster Menschen, der Abziehbildbilderbuchfamilie mit Galeristenmama und Physikerpapa, der Sohn treffendst Liam gerufen. Wenn Besuch kommt, gibt es Rucola. Besuch von Oskar, ebenfalls Physiker, bester oder auch einziger Freund Sebastians, also des Physikerpapas. Ein Idyll wird uns präsentiert im ersten Kapitel, dort im malerischen Freiburg. Dass etwas nicht stimmt, merkt man spätestens dann, wenn das Entenpaar, das über all diese Seiten hinweg immer und immer wieder die selbe Strecke des Bachs hinaufsschwimmt, um sich dann wieder ein Stück treiben zu lassen, spätestens wenn diese Enten mit Bonnie und Clyde benannt werden, merkt man: etwas ist faul.
Das zweite Kapitel, Aktion – Reaktion, eine Entführung (oder auch nicht?), Menschen gewinnen an Kontur oder lassen erkennen, dass sie eine solche nicht besitzen. Im dritten Kapitel stirbt ein Mensch.
Wir kennen den Täter.
Dies ist kein Krimi.

Man kann aber auch ganz anders Zugang zur Geschichte finden. Kommissarin, Kommissar, Polizeiobermeister. Suchen nach dem Täter, oder wissen es einfach, Intuition siegt. Verstehen will man die Ereignisse nichtsdestotrotz. Und alles kulminiert in einer bizarren Inszenierung.
Dies ist kein Krimi. Dies will auch überhaupt kein Krimi sein.
Und die Personen und Handlungen und Ereignisse erheben auch gar keinen Anspruch auf Realitätsbezug. Wie gut das tut. Die Komposition der Erzählung ist perfekt, wenn Spannung erzeugt wird, dann durch sie, und das dann im genau passenden Maße.
Vielleicht werden uns die Geschehnisse von den Vögeln erzählt, im Anflug, im Abflug gleicht Freiburg…
Auch von den inneren Vögeln der Protagonisten, vielleicht.

Die Ideen des Menschen sind die Partitur, sein Leben ist eine schräge Musik.
So ist es, denken wir, in etwa gewesen.

veröffentlicht auf aufgelesen.org

it’s only a weekend away —

wie ich die stadt heute liebe,
wie unglaublich herrlich sie heute waristseinwird.

und dann kommen tunng und
haben ein neues album,
machen einfach den soundtrack zum frühling
sind plötzlich so hymnisch
und einfach
wunderwunderwundervoll.
don’t look down or back —

(fliegen); zwei mit einer —

Ich weiß jetzt meine Bestimmung. Ich werfe meine Kleider ab, auf das Äußere kommt es nicht mehr an. Irgendwann wird DER ANDERE mir entgegenkommen, der Antipode, der Doppelgänger mit meinem Gesicht aus Schnee. Einer von uns wird überleben.

Heiner Müller, (der Mann im Fahrstuhl); Der Auftrag

drahtseilakt.

“Das ist jetzt nicht so wichtig”, sagt Maike schnell.
“Immer wenn’s nicht so wichtig ist, geht es um Sex oder Nazis!”, kräht Liam.
“Sei nicht oberschlau!”, sagt Maike.
Sofort wirft Liam die Gabel beiseite.
“Die Nazis haben Drahtseile über die Straßen gespannt, um den Amis im Cabrio den Kopf abzuschneiden. Das hab ich im Fernsehen gesehen!”
“Iss deinen Broccoli”, sagt Sebastian.
“Das ist Rucola“, sagt Maike.

Juli Zeh, Schilf

schreibt schreiben worte —

ad bergman.

zum beispiel: am 31.7.2007 stieg ich in malmö aus dem zug, den halben tag hatten wir im zug quer durch dänemark verbracht. die nacht zuvor am fährhafenbahnhof puttgarden. von den zeitungen schrie uns laut entgegen: ingmar bergman ist gestern gestorben.

aber vor allem jener gedanke, der soeben aufblitzte, kurz: wie perfekt es eigentlich sein muss, als letzten film jenen zu drehen, der sich aufbaut auf einen deiner anderen filme, manche sagen: auf deinen bekanntesten, erfolgreichsten film (aber woran misst man das?).

zum beispiel sarabande. das kam in deutschland auch im fernsehen, damals. vielleicht 2003. ich war da jünger, bergman sagte mir wohl nichts. saß auf der couch meines vaters, schaute halb den film an, der dort lief, mit der frau meines vaters. und irgendwann sprach sie von ‘bergman’ und ’sarabande’. welch herrlich unbekanntes wort. dies war der erste bergmanfilm, den ich sah, wohl. zum beispiel das.

(21.01.2010)

orly.

sechs eins zweinulleinsnull;
nach zwei weißen nächten; orly.
busundbahn durch berlin bis tegel, schnee.
und abflug im dunkel;
ankunft achtuhrfünfundvierzig; orly.
beweglicher boden und der blick durch endloses glas
und draußen die flache sonne
und die farben
und irgendwo eine ahnung paris;
sonne auf den dächern.

gedanken
ob der farben;
ein film müsse hier stattfinden,
ich fühle mich wie bei kieslowski.
die farben
und die intense stille.
stille nicht; ruhe.
und dann auch: tristesse.

(gelesen, soeben:
orly, angela schanelec;
der film ist schon)

well i’ll write it all down for you

gesagt werden muss:

vom menschenhass zur menschenliebe (mais tous, bien sûr)
braucht es nur
rauschmittel
und einen weg durch die halbe stadt.

(vom begreifen) ohne worte (selbst zu schreiben)

und komme doch nicht umhin;

(angenommen sie las das weblog, oder das buch, und es gefiel ihr so unglaublich gut, dass sie “sowas” schreiben wollte.
aber warum. schreibt sie es dann ab. man möchte schreiben, ein buch schreiben, natürlich, aber: warum schreibt sie dann nicht, sondern schreibt ab. (warum schreibt sie dann nicht alles selbst, sondern schreibt teile ab. so müsste dieser satz natürlich heißen). erstens: bekunde ich dadurch respekt vor dem geliebten werk? nein, so nicht. zweitens: wenn es ein ansporn war um zu schreiben, dann kann es doch nicht befriedigen, die worte einfach abzuschreiben, das kann doch gar nicht sein.
und wenn sie sagt sie müsse sich ausdrücken, das alles schreiben, ja natürlich, kann ich nachvollziehen, sehr gut sogar, aber; wenn es ein anderer war, der die worte fand, die einen ausdrücken, wie kann man dann auf die idee kommen, sich diese worte anzueignen; sie drücken einen doch ohnehin schon aus. und wenn sie es nur annährend tun, und man präzisieren möchte: immer gerne, aber - dann sollte man sie sich nicht nur aneignen, sondern auch weitertragen, transformieren, verbessern, und dann würde ich auch nichts dagegen sagen, denn dann wären sie in gewisser weise eigen. ihr eigen.

angenommen, sie entdeckte die worte des anderen erst, als sie gezielt nach etwas suchte, dass ihrem text “mehr autentizität” verleihen würde. was ein eingeständnis; ich merke, ich selbst kann es nicht aufschreiben, ich brauche andere worte. nicht verwerflich, wären sie inspiration gewesen. aber statt sich von ihnen zu eigenen worten führen zu lassen, hat sie sie einfach abgeschrieben.

ich habe das gefühl, dass ich ganz viel produzieren muss” - das sind dann letzten endes doch nur schale worte, wohl.)

es ist mir vollkommen unbegreiflich, ich meine das wortwörtlich, ich kann es nicht fassen mit meinem kopf und auch nicht in worte, vielleicht; was zum teufel ist bei ihr der “schreibprozess”.

nachtrag: achso, es ist intertextuell. mhm.

et moi - qu’est-ce que je suis dans cette histoire - la ronde

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