zum Statischen.

May 10th, 2010 § 1

Nun, es ist ja das, was mich am Theater interessiert – die Dehnung der Zeit, die Strapazierung des Zuschauers und der Inszenierung.

Mary Scherpe

Beim Lesen obiger Worte erinnerte ich mich an die Notizen, welche ich mir machte, zum Statischen im Theater, zur Möglichkeit des Statischen im Theater, auch betrachtet im Vergleich zu (anderen) Medien; Anstoß war eine Inszenierung von Camus’ Les Justes;

Drei Stunden ohne Pause dauert das Stück, als Theatergänger in Deutschland ist man dies vielleicht weniger gewöhnt, in Frankreich ist es normal. Hat man sich einmal darauf eingelassen, so wird es jedoch durchaus spannend; ganz abseits von der Handlung des Stückes (aber ich persönlich gehe auch nicht der Handlung, des Inhaltes, der Geschichte wegen ins Theater, zumindest nicht in Klassiker, und Camus’ Stück zählt in diesem Fall als Klassiker-): In der Absenz von Bewegung liegt eine ungemeine Faszination -
Die Inszenierung nun, von der ich spreche, verzichtete in weiten Teilen auf jegliche Art von Bewegung. Sie gab dem Text, dem Sprechen, den Figuren den größtmöglichen Raum;
Die Darsteller standen still, auch auf Mimik wurde weitestgehend verzichtet. Und sie sprachen ihren Text in den Raum;
Und doch war es ganz eindeutig Schauspiel, keine Lesung, kein Vortrag des Textes in verteilten Rollen. Auch wegen dem Raum, weil Theater eine Raumkunst ist, und von einer Präsenz lebt; einer unmittelbaren Präsenz;

Ich bin daher versucht, dem Theater die Möglichkeit des Statischen als Qualität zur Abgrenzung von anderen Medien zuzuordnen; These: Einzig das Theater hat die Möglichkeit des Statischen. Argument zum Ausschluss von anderen Medien: Sie sind immer nur entweder statisch (Photographie, Malerei) oder nicht statisch (Film) zu denken, es gibt nicht die Möglichkeit des Entweder-Oders, welche dem Theater gegeben ist.

[Dies ist kein abgeschlossener Gedankengang, bei Weitem nicht, es ist vielleicht erst ein Anfang. Am Ende mündet alles vielleicht wieder in eine Liveness-Diskussion, zumindest zeichnet sich das im Moment so ab in meinem Kopf. Eventuell ist die Reflexion des Statischen im Theater auch nur eine Variation der Reflexion des Körpers im Theater; Letzen Endes bliebe noch zu bemerken, dass "das Theater" natürlich streng genommen einer Definition bedürfte, zu allererst; Nun denn - Der Begriff wurde hier extrem weit gefasst verwendet und umfasst im Grunde jegliche performative Kunstdarbietung, wobei der Grad der Medialisierung eher gering sei, bzw. der entscheidente Teil des Gesamtwerkes derjenige sei, welcher dem transitorischem Moment unterworfen ist. ]