Den Zuschauer verstören

May 4th, 2008 § 1

Ende Mai läuft ein Film in den Kinos an, von Michael Haneke. Zu sagen, dass es ein neuer Film ist, mutet etwas seltsam an, denn Funny Games U.S. ist ein Remake von Funny Games. Dieser Film ist allerdings ebenfalls von Michael Haneke, gedreht 1997, gezeigt in Arthousekinos in Europa.

Jetzt also ein Remake, der Schauplatz wird von Österreich nach Amerika verlagert und die Schauspieler sind auch amerikanische (Michael Pitt, Naomi Watts und Tim Roth, zum Beispiel, letzterer übernimmt bzw. erbt die Rolle, die der grandiose und leider verstorbene Ulrich Mühe vor gut 10 Jahren spielte). Über den Sinn von Remakes lässt sich bestimmt lange streiten, aber ich denke dieses hier ist ein Sonderfall, denn der Regisseur ist der gleiche geblieben und das, was wechselt sind nur die Darsteller, hat der Regisseur doch in den USA die Schauplätze extra den “Originalschauplätzen” so entsprechend wie möglich gewählt. Im Grunde ist das also noch weniger Unterschied als zwischen zwei Inszenierungen des selben Dramas.

Zurück zum Film – Zwei junge Menschen dringen in das Leben, in den Urlaub einer Familie ein und zerstören diese, und das war jetzt sehr euphemistisch ausgedrückt (aber ich persönlich hasse es, zu viel von einem Film zuvor zu wissen, und deswegen soll es auch bei diesem Satz als Inhaltsangabe bleiben).

Hanekes Filme schaffen vor allem eines: Das Publikum zu verstören. Wer Caché gesehen hat, weiß vielleicht, was damit gemeint ist. Keine Filmmusik, lange Einstellungen, und ein Schnitt wird zum laut schreienden Ausrufungszeichen, wenn er plötzlich das Bild zerhackt. Gerne werden Hanekes Filme mit dem Begriff Thriller bedacht, was vielleicht falsche Hoffnungen weckt bei einschlägigem Klientel – dass dann aber vielleicht den eigenen Gewaltkonsum kritisch überdenkt- wenn sie, also diese Konsumenten, denn verstört werden, von dem, was sie sehen. Die Menschen, die sich den Film angucken, weil er von Haneke ist, oder weil er eben im lokalen Programmkino läuft, die sind wohl auch verstört.

Es wird wohl leider so sein, dass die Menschen, die sich den Film vor allem anschauen werden, nicht diejenigen sind, die zum Nachdenken über ihre Rezeption, über ihren Konsum von Gewalt beziehungsweise Gewaltverherrlichung, angeregt werden müssten. Das ist schade. Nichtsdestrotrotz lohnt es sich, Hanekes Werk(e) anzuschauen, aus filmästhetischen und aus ideellen Gründen. Denn es muss Menschen geben, die sich mit diesen stiefmütterlich behandelten, die Gesellschaft jedoch nicht minder betreffenden, Themen befassen.

Info:
Filmstart Deutschland von Funny Games U.S. ist der 29.05.2008.
Funny Games
, die erste Fassung, ist auf DVD erschienen bei Concorde Video.
Caché, für das Haneke 2005 den Regiepreis in Cannes bekam, ist ebenfalls auf DVD erschienen, bei Euro Video.

veröffentlicht auf vereinehemaligernachbarn.de