Als Oberst Landa mit einem Lächeln auf den Lippen ein Glas Milch für die Mademoiselle ordert, läuft dem Zuschauer ein kalter Schauer über den Rücken. Denn wir erinnern uns noch allzu gut an die Eröffnungsszene des Films, in der besagter Oberst den Bauern LaPadite befragt, und was sich der Oberst erbat war – ein Glas Milch.
Dieses Glas Milch, dass mehrmals, in Wort und Bild, seinen Auftritt in Tarantinos «Inglourious Basterds» (2009) erfährt, ist bei weitem nicht das erste Glas Milch der Filmgeschichte.
Da ist zum Beispiel das berühmteste, das in «Suspicion» (1941) nämlich, welches Carry Grant als Johnnie Aysgarth seiner Frau ans Bett bringt. Diese verdächtigt ihn, sie umbringen zu wollen, und das Glas Milch, dass der Gatte im expressionistischen Setting die Treppe hinauf zum Schlafzimmer trägt, leuchtet geradezu gespenstisch.
Im Interview mit Truffaut weist Hitchcock, dem wir diese Szene zu verdanken haben, dann auch dezidiert darauf hin, dass der Effekt durch eine Glühbirne in der Milch herbeigeführt wurde – damit der Zuschauer auch ja auf das Glas schaue und nicht auf den allzu angebeteten Darsteller. Man muss sich nur zu helfen wissen!
Aber auch in früheren Filmen setzte Hitchcock das Glas Milch ein. Wenn zum Beispiel in «The 39 Steps»(1935) der unschuldig Schuldige Richard Hannay mit der unfreiwillig an ihn gefesselten Pamela in einem Gasthaus Unterschlupf sucht, erbittet er ein Glas Milch für die Dame, in deren Begleitung er sich befindet. Dieses Glas Milch leert Hannay dann später, nach einem weiteren Disput mit Pamela, selbst; Die Lacher hat er auf seiner Seite.
Und dann wird in einem weiteren Film dem Milchglas eine geradezu philosophische Dimension hinzugefügt.
Xavier durchlebt ein Wechselbad der Gefühle in Cedric Klapischs «Les Poupées Russes» (2005). Und warum er sich hat dazu hinreissen lassen, nach Moskau zu fahren und dort das Modell Cecilia zu treffen, anstatt weiterhin in St Petersburg mit seiner Freundin Wendy zu bleiben – das weiß er plötzlich auch nicht mehr genau. In dem Moment nämlich, in dem er in einer Moskauer Disko auf der Tanzfläche steht, mit einem Glas Milch in der Hand, um welches ihn eben jene Cecilia gebeten hatte, die dann, während Xavier an der Bar stand, zufällig Bekannte traf und mit diesen über alle Berge verschwand. Und Xavier wird sich bewusst, welchen Fehler er mit seiner Fahrt nach Moskau begangen hat und steht nun im bunten Scheinwerferlicht und die Bässe stampfen und die Milch zieht Kreise.
Das Milchglas also lässt sich in den unterschiedlichsten Filmen unterschiedlichster Epochen und Genres wiederfinden, es scheint geradezu eine Faszination auszuüben auf Regisseure jeglicher Couleur. Und metaphorisch lässt es sich auch immer wieder unterschiedlich deuten – als Zeichen der Machtausübung in «Inglourious Basterds», als Sinnbild für den Verdacht der Ehefrau in «Suspicion», aber ebenso als sexuelle Metapher, gerade in der direkten Verbindung mit den oft angeführten Handschellen in «The 39 Steps». Und nicht zuletzt als Verbildlichung der Bässe in «Les Poupées Russes», die Wiederum als dem Herzschlag ähnlich klassifiziert werden, im O-Ton der Bilder.
veröffentlicht in moustache magazine #1
dachte schon, das wäre für die uni.
total schön ist das magazin. ich hätte gerne eine schnurrbart-tasche.
dann musst du am wettbewerb teilnehmen
hm nein, das was ich für die uni schreibe ist _etwas_ abgedrehter und wissenschaftlicher und so…
Ich bin erstaunt wie viel man in Milch hinein interpretieren kann
Hättest du Milch im Film einfach so erwähnt, hätte ich nur an Unschuld oder falsche Unschuld (wie in IB) gedacht oder an (verlorene) Kindheit.
Coole Sache